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Architektur & Patina – Warum Materialien altern dürfen und Gebrauchsspuren Architektur schöner machen können.

Philipp Flammiger
8. Okt.
4 Min. Lesezeit

Nicht alles wird mit dem Alter schlechter.
Manche Dinge werden erst mit den Jahren wirklich schön.

Wir leben in einer Zeit, in der vieles möglichst lange neu aussehen soll. Oberflächen sollen makellos bleiben, Materialien pflegeleicht sein und Gebrauchsspuren möglichst unsichtbar. Dabei vergessen wir manchmal, dass gerade die Veränderung eines Materials zu seiner Schönheit beitragen kann.


Ein hölzerner Handlauf, der durch jahrzehntelange Berührung glatt geworden ist. Eine Natursteinstufe, deren Oberfläche von unzähligen Schritten geformt wurde. Messing, das mit der Zeit dunkler wird und eine warme Patina entwickelt. Oder ein Ledersessel, dessen Oberfläche langsam weicher wird und die Spuren seiner Nutzung zeigt. Solche Materialien erzählen Geschichten. Sie verändern sich, ohne zwangsläufig an Qualität zu verlieren. Gute Materialien müssen nicht immer neu aussehen. Sie dürfen altern.



Patina ist kein Mangel

In der Architektur sprechen wir häufig von Beständigkeit. Dabei wird Beständigkeit manchmal mit Unveränderlichkeit verwechselt. Doch natürliche Materialien bleiben selten unverändert. Holz reagiert auf Licht, Feuchtigkeit und Berührung. Naturstein verwittert, wird glatter oder entwickelt im Außenraum eine lebendige Oberfläche. Unbehandeltes Messing oxidiert und verändert seinen Farbton. Mit den Jahren entstehen Unterschiede in Farbe, Struktur und Glanz. Diese Veränderungen werden als Patina bezeichnet.



In den Schweizer Alpen, oberhalb des Dorfes Sumvitg, steht die kleine Kapelle Sogn Benedetg von Peter Zumthor. 
Verwitterte Holzschindeln an einem abgerundeten Gebäude harmonierten perfekt mit der rauen Landschaft der sie umgebenden Schweizer Alpen.

Kapelle Sogn Benedetg, Los Angeles

Architekt: Peter Zumthor

Foto: Frank Gehry


Natürlich ist nicht jede Alterung schön. Feuchtigkeitsschäden, ungeeignete Konstruktionen oder mangelnde Pflege können Materialien zerstören. Entscheidend ist, dass Materialien richtig eingesetzt werden und ihre Veränderungen von Anfang an mitgedacht werden. Dann muss Alterung kein Qualitätsverlust sein. Sie kann Teil der Gestaltung werden. Architektur & Patina gehören deshalb oft enger zusammen, als man zunächst denkt. Die folgenden drei Architekturprojekte zeigen auf unterschiedliche Weise, wie das gelingen kann.



Kapelle Sogn Benedetg - Peter Zumthor, 1988

In den Schweizer Alpen, oberhalb des Dorfes Sumvitg, steht die kleine Kapelle Sogn Benedetg von Peter Zumthor. Ihre organisch geschwungene Form ist vollständig mit Holzschindeln verkleidet. Als die Kapelle 1988 fertiggestellt wurde, besaß das Holz noch einen vergleichsweise warmen, hellen Farbton.


Über die Jahrzehnte haben Sonne, Regen und Schnee die Oberfläche verändert. Die Schindeln sind vergraut, an manchen Stellen heller, an anderen deutlich dunkler. Die unterschiedliche Bewitterung zeichnet sich auf der Fassade ab.


Was ursprünglich eine einheitliche Holzoberfläche war, hat eine lebendige, vielschichtige Patina entwickelt.

Heute wirkt die Kapelle beinahe wie ein selbstverständlicher Teil der alpinen Landschaft. Ihre silbergraue Hülle nimmt die Farben der umgebenden Natur auf, ohne ihre architektonische Klarheit zu verlieren.

Das Besondere ist, dass die Alterung die ursprüngliche Gestaltung nicht überlagert. Sie ergänzt sie.



In den Schweizer Alpen, oberhalb des Dorfes Sumvitg, steht die kleine Kapelle Sogn Benedetg von Peter Zumthor. Verwitterte Holzschindeln an einem abgerundeten Gebäude harmonierten perfekt mit der rauen Landschaft der sie umgebenden Schweizer Alpen.

Kapelle Sogn Benedetg, Los Angeles

Architekt: Peter Zumthor

Foto: Frank Gehry



West Court, Jesus College - Níall McLaughlin Architects, 2017

Bei der Erweiterung des Jesus College in Cambridge setzte Níall McLaughlin auf eine zurückhaltende Materialpalette, die sich selbstverständlich in den historischen Bestand einfügt.

Das Projekt verbindet bestehende Gebäude mit neuen Bauteilen. Verwendet wurden unter anderem Eiche, Naturstein und Ziegel.


Besonders interessant ist die unbehandelte Eiche an den Außenflächen. Sie verändert durch Sonne und Regen allmählich ihre Farbe und entwickelt eine silbergraue Oberfläche. Auch der Naturstein wird mit der Zeit Spuren der Witterung zeigen.


Diese Veränderungen wurden bei der Materialwahl bewusst berücksichtigt. Die Materialien sollen nicht dauerhaft ihren ursprünglichen Farbton behalten. Vielmehr können sie mit den Jahren eine gemeinsame, ruhigere Farbigkeit entwickeln. So entsteht eine Architektur, die sich nicht durch künstlich erzeugte Alterung an ihre Umgebung anpasst, sondern diesen Prozess der Zeit überlässt.



Innenhof mit modernem Holzbau und historischem Backsteintrakt, Baum auf grünem Rasen unter blauem Himmel.

West Court, Jesus College | Cambridge, UK

Architekt: Niall McLaughlin

Foto: Nick Kane



Kunsthaus Zürich - David Chipperfield Architects, 2020

Auch im Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich von David Chipperfield spielt die bewusste Auswahl alterungsfähiger Materialien eine wichtige Rolle. Das Gebäude ist geprägt von klaren Proportionen, einer hellen Natursteinfassade und einer reduzierten, sorgfältig ausgearbeiteten Materialpalette. Im Inneren finden sich unter anderem geschliffene und gewachste Messingoberflächen.


Anders als lackierte oder dauerhaft versiegelte Oberflächen können diese Materialien durch Berührung und Nutzung eine natürliche Patina entwickeln. Handläufe, Türgriffe und andere häufig berührte Details verändern mit den Jahren ihren Glanz und ihre Farbigkeit. Die Oberfläche wird dort anders aussehen, wo Menschen sie täglich berühren. Gerade diese Veränderungen können den Materialien eine zusätzliche Tiefe verleihen.


Das Gebäude ist noch jung. Wie sich die Oberflächen über Jahrzehnte tatsächlich entwickeln, wird erst die Zeit zeigen. Doch bereits die Materialwahl macht deutlich, dass Gebrauch und Veränderung nicht zwangsläufig im Widerspruch zu einer präzisen Gestaltung stehen.



Betontreppenhaus mit goldfarbenem Handlauf und hellen Stufen, ruhige minimalistische Innenarchitektur.

Kunsthaus Zürich

Architekt: David Chipperfield

Foto: Juliet Haller



FAZIT

Die Kapelle von Zumthor zeigt, dass ein Gebäude nicht unverändert bleiben muss, um seine gestalterische Qualität zu bewahren. Bei West Court wird diese Veränderung bereits im Entwurf mitgedacht, während beim Kunsthaus Zürich die alltägliche Nutzung selbst zu einem Teil der Materialgeschichte wird. Alle drei Beispiele zeigen, wie Zeit, Witterung und Gebrauch die Architektur verändern und ihren Charakter bereichern können.



Zeitlos bedeutet nicht unveränderlich

Zeitlos bedeutet nicht unveränderlich. Was diese drei Gebäude verbindet, ist nicht ein bestimmter Architekturstil. Es ist eine Haltung gegenüber Materialien und Zeit. Peter Zumthor lässt eine Holzfassade mit der Landschaft altern. Níall McLaughlin wählt Materialien, deren natürliche Veränderung Teil des Entwurfs ist. David Chipperfield setzt auf Oberflächen, die auch durch alltägliche Nutzung an Charakter gewinnen können. Alle drei Beispiele zeigen, dass Architektur nicht allein für den Moment ihrer Fertigstellung entworfen werden sollte.


Deshalb bevorzugen wir Materialien, die ehrlich altern dürfen. Echtes Holz statt einer Oberfläche, die Holz nur imitiert. Naturstein, dessen Struktur sichtbar bleibt. Metalle, die eine Patina entwickeln können.

Das bedeutet nicht, dass jedes Material unbehandelt bleiben muss. Und auch nicht, dass jede Gebrauchsspur erhalten werden sollte.


Es bedeutet, Materialien nicht ausschließlich danach auszuwählen, wie sie am Tag der Fertigstellung aussehen, sondern auch danach, wie sie sich in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren verhalten.

Denn Architektur ist nicht nur für den Moment gedacht, in dem sie fotografiert wird. Sie ist dafür da, benutzt und erlebt zu werden. Materialien erzählen Geschichten. Sie tragen Gebrauchsspuren mit Würde. Sie reifen. Genau wie gute Architektur.



 
 
 

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