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Weniger Ego. Mehr Architektur.

Philipp Flammiger
28. Sept.
3 Min. Lesezeit

Architektur darf auffallen. Sie darf überraschen, provozieren und neue Wege zeigen. Aber sie sollte nie vergessen, warum sie überhaupt entsteht: für Menschen, für einen Ort und für eine konkrete Aufgabe.

Wir glauben deshalb nicht an Architektur als Selbstzweck. Ein Gebäude ist nicht automatisch gut, nur weil es spektakulär aussieht, einen hohen Wiedererkennungswert besitzt oder die Handschrift seines Architekten unverkennbar trägt. Gute Architektur muss vor allem eines können: funktionieren.



Wenn die Idee wichtiger wird als die Nutzung


Die Architekturgeschichte kennt einige Gebäude, die gerade wegen ihrer außergewöhnlichen Gestaltung berühmt geworden sind – bei denen sich im täglichen Gebrauch jedoch gezeigt hat, dass eine starke architektonische Idee nicht automatisch ein gutes Gebäude hervorbringt.


Ein interessantes Beispiel ist die Seattle Central Library von OMA und Rem Koolhaas. Das 2004 eröffnete Gebäude wurde international für seine radikale Neuinterpretation einer Bibliothek gefeiert. Gleichzeitig zeigte sich im Betrieb, dass gerade die ungewöhnliche räumliche Organisation für Nutzer schwierig sein kann. Besucher verirrten sich so häufig, dass die Orientierung im Gebäude nachträglich verbessert werden musste. Auch wissenschaftliche Untersuchungen haben später einen Zusammenhang zwischen der räumlichen Konfiguration des Gebäudes und Schwierigkeiten bei der Orientierung festgestellt.


Das macht die Bibliothek nicht zu schlechter Architektur. Im Gegenteil: Sie ist architektonisch äußerst relevant. Aber sie zeigt einen wichtigen Konflikt: Ein starkes Konzept und eine starke Form ersetzen nicht die Erfahrung des Menschen, der das Gebäude täglich benutzt.




Die Seattle Central Library bei Sonnenuntergang. Vor dem Gebäude stehen Bäume, und im Inneren brennt Licht. Im Hintergrund ragen mehrere Wolkenkratzer empor.

Central Library, Seattle

Architekten: OMA und Rem Koolhaas

Foto: Hoffman Construction Company



Auch die Walt Disney Concert Hall von Frank Gehry in Los Angeles zeigt auf andere Weise, was passieren kann, wenn eine außergewöhnliche Gebäudehülle unerwartete Auswirkungen auf ihre Umgebung hat. Teile der ursprünglich stark reflektierenden Edelstahlfassade bündelten Sonnenlicht so stark, dass Anwohner und Passanten durch Blendung und Hitze beeinträchtigt wurden. Teile der Oberfläche mussten deshalb nachträglich mattiert werden.


Beide Beispiele stehen für außergewöhnliche Architektur. Und genau deshalb sind sie interessant: Nicht als Argument gegen Gestaltung, sondern als Erinnerung daran, dass Architektur immer mehr ist als ein Bild.



Die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles vor kobaltblauem Himmel; das Silber der Architektur funkelt geradezu im Sonnenlicht.

Walt Disney Concert Hall, Los Angeles

Architekt: Frank Gehry

Foto: Carol M. Highsmith, Wikipedia



Ein Gebäude muss nicht schreien


Vielleicht liegt eine besondere Qualität von Architektur gerade darin, dass sie sich nicht ständig erklären muss. Ein gut proportionierter Raum. Eine selbstverständliche Wegeführung. Tageslicht an der richtigen Stelle. Materialien, die altern dürfen. Ein Grundriss, der auch zwanzig Jahre später noch funktioniert.

Viele dieser Qualitäten sind auf einem Foto kaum spektakulär. Im täglichen Leben sind sie jedoch entscheidend.


Deshalb interessiert uns weniger die Frage: „Wie können wir hier unsere Handschrift hinterlassen?“ Sondern vielmehr: „Was braucht dieses Gebäude, dieser Ort und der Mensch, der ihn nutzt?“ Und genau an diesem Punkt wird für uns der Bestand besonders interessant.



Astley Castle in Warwickshire ist ein historisches Gebäude, das durch einen Brand zur Ruine wurde und so wiederaufgebaut wurde, dass sich Neubau und Altbestand harmonisch verbinden, ohne die ursprüngliche Bausubstanz weiter zu zerstören oder zu tilgen. Die sandsteinfarbenen Mauern der sanierten – doch auf den ersten Blick noch immer wie eine Ruine wirkenden – Burg erheben sich inmitten einer grünen Wiese vor der Kulisse eines blauen Sommerhimmels.

 Astley Castle, Warwichshire UK

Architekturbüro: Witherford Watson Mann Architects

Foto: The Landmark Trust


Vielleicht ist die beste Architektur schon da


Bei einem Altbau beginnt Planung nicht mit einem weißen Blatt Papier. Wände, Decken, Fenster, Materialien, Proportionen und Gebrauchsspuren sind bereits vorhanden. Manchmal seit hundert oder zweihundert Jahren. Ein Gebäude hat bereits bewiesen, dass es sich verändern kann – und häufig auch, dass es mehr als nur eine Nutzung aufnehmen kann. Das zwingt uns als Planer dazu, zunächst zuzuhören. Was funktioniert noch? Was kann bleiben? Was muss verändert werden? Welche Qualität wurde vielleicht über Jahrzehnte überdeckt und kann wieder sichtbar gemacht werden?


Aus einem ehemaligen Industriegebäude kann ein Büro werden. Aus einer Scheune ein Wohnhaus. Aus einem Gerichtsgebäude eine Praxis. Aus einem kleinteiligen Altbau ein zeitgemäßes Familienhaus.

Dabei muss das Neue das Alte nicht imitieren. Es darf als neue Schicht erkennbar sein. Entscheidend ist, dass Bestand und Eingriff miteinander funktionieren.


Auch aus ökologischer Sicht gewinnt diese Haltung zunehmend an Bedeutung. Der RIBA empfiehlt ausdrücklich, Erhalt, Weiterverwendung und Umnutzung bestehender Gebäude dort zu priorisieren, wo dies technisch und über den gesamten Lebenszyklus sinnvoll ist. Schließlich steckt in jedem bestehenden Gebäude bereits eine enorme Menge an Material, Energie und Arbeit.



Das Kolumba-Museum in Köln: Ansicht des alten Gebäudeteils und des Neubaus sowie der nahtlosen Verbindung beider Bereiche.

 Kolumba Museaum

Architekt: Peter Zumthor & Partner

Foto: Anders Sune Berg


Altbau ist keine Einschränkung


Natürlich ist Bauen im Bestand kompliziert. Wände stehen selten dort, wo man sie heute zeichnen würde. Decken sind nicht immer gerade. Konstruktionen müssen verstanden, Schadstoffe geprüft und energetische, brandschutztechnische oder funktionale Anforderungen integriert werden. Aber genau darin liegt für uns der Reiz. Der Bestand setzt Grenzen – und diese Grenzen können zu besseren Entscheidungen führen.


Statt ein Gebäude einer vorgefertigten gestalterischen Idee unterzuordnen, entsteht die Gestaltung aus dem, was bereits vorhanden ist. Gute Lösungen müssen nicht gegen das Gebäude durchgesetzt werden. Sie entwickeln sich mit ihm. Und vielleicht ist genau das eine Form von zeitloser Architektur. Nicht möglichst neu. Nicht möglichst laut. Nicht möglichst erkennbar als Werk eines bestimmten Architekten. Sondern sorgfältig genug, um Bestehendes zu verstehen, präzise genug, um es weiterzuentwickeln, und zurückhaltend genug, um dem Gebäude und seinen Bewohnern Raum zu lassen.



Weniger Ego. Mehr Architektur.


Denn manchmal ist die nachhaltigste und schönste Architektur nicht das Gebäude, das wir neu bauen.

Sondern das, dem wir ermöglichen, weitere hundert Jahre zu bleiben.




 
 
 

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