Weiterbauen statt abreißen
- Philipp Flammiger
- 20. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Bild: Landmark Trust
Was Astley Castle uns über das Erhalten von Altbauten lehrt
1978 zerstörte ein verheerender Brand große Teile von Astley Castle in England. Jahrzehntelang blieb nur eine Ruine zurück – für viele schien der Abriss die naheliegendste Lösung. Heute gilt Astley Castle als eines der beeindruckendsten Beispiele dafür, wie aus einem scheinbar verlorenen Gebäude wieder ein lebendiger Ort werden kann. Genau darin liegt die Idee von „Erhalten statt Ersetzen“.
Wenn wir über einen Altbau sprechen, hören wir oft dieselben Begriffe: Sanierungsstau, hohe Kosten oder komplizierte Umbauten. Schnell entsteht der Eindruck, ein Neubau sei die vernünftigere Entscheidung.
Doch gute Architektur beginnt nicht mit der Frage, was wir abreißen können. Sie beginnt mit der Frage: Was ist bereits da – und welchen Wert besitzt es?
Astley Castle: Eine Ruine wird wieder zum Zuhause
Nach dem Brand stand Astley Castle mehr als 30 Jahre leer. Dächer fehlten, Mauern waren eingestürzt und die Natur hatte sich das Gebäude langsam zurückgeholt. Ein kompletter Neubau wäre technisch einfacher gewesen. Auch eine historische Rekonstruktion hätte viele überzeugt. Doch das Architekturbüro Witherford Watson Mann entschied sich für einen dritten Weg.
Die erhaltenen Mauern blieben bestehen. Neue Bauteile wurden bewusst modern gestaltet und ergänzten das Alte, ohne es zu imitieren. So entstand kein Museum, keine Kopie der Vergangenheit, sondern ein Haus, das seine Geschichte erzählt und gleichzeitig wieder bewohnbar wurde.
2013 wurde Astley Castle mit dem RIBA Stirling Prize, dem bedeutendsten Architekturpreis Großbritanniens, ausgezeichnet. Nicht weil alles neu war, sondern weil das Bestehende respektvoll weitergedacht wurde.

Astley Castle wie sie Ürsprunglich gebaut wurde
Bild: von der "Our Warwickshire" website, bereitgestelt vom Warwickshire County Record Office

Astley Castle nach der Sanierung
Bild: The Landmark Trust
Sanieren bedeutet mehr als Reparieren
Ein Altbau ist mehr als die Summe seiner Wände: er erzählt von den Menschen, die ihn gebaut haben, von den Materialien, die über Jahrzehnte Bestand hatten und von einer Bauweise, die oft erstaunlich langlebig ist. Ein Gebäude zu sanieren bedeutet deshalb nicht, möglichst viel auszutauschen. Es bedeutet vielmehr, genau hinzusehen. Welche Konstruktionen sind noch tragfähig? Welche Materialien verdienen eine zweite Lebensdauer? Welche Räume besitzen eine Qualität, die auch heute noch überzeugt? Jede Antwort führt zu einer Architektur, die nicht auf Zerstörung, sondern auf Weiterentwicklung basiert.

Konzeptmodell
Bild: www.wwmarchitects.com
Nachhaltigkeit beginnt mit dem Bestand
Wenn über nachhaltiges Bauen gesprochen wird, stehen häufig moderne Haustechnik oder neue Baustoffe im Mittelpunkt. Doch die wichtigste Entscheidung fällt oft schon vorher. Muss ein Gebäude wirklich ersetzt werden?
Jeder erhaltene Altbau spart Rohstoffe, Energie und CO₂. Vor allem aber bewahrt er die sogenannte graue Energie – also die Energie, die bereits für Herstellung, Transport und Bau des Gebäudes aufgewendet wurde. Ein Gebäude zu erhalten, ist deshalb häufig nachhaltiger als neu zu bauen und nicht, weil Altbauten perfekt sind, sondern weil ihre größte Stärke bereits vorhanden ist.

Entwurfsskizze
Bild: www.wwmarchitects.com
Gute Architektur verbindet Vergangenheit und Zukunft
Astley Castle zeigt eindrucksvoll, dass Erhalten nicht Stillstand bedeutet. Die neuen Bauteile sind klar als zeitgenössische Architektur erkennbar. Sie konkurrieren nicht mit dem Bestand, sie ergänzen ihn. Genau darin liegt die Qualität guter Architektur. Sie respektiert das Vorhandene und schafft gleichzeitig Raum für neue Nutzungen, neue Anforderungen und neues Leben. Alt und Neu müssen keine Gegensätze sein: sie können gemeinsam etwas schaffen, das beide allein nicht erreicht hätten.
Was bedeutet das für einen Altbau in Solingen?
Natürlich ist nicht jedes Gebäude eine mittelalterliche Burg aber die Frage ist dieselbe – ob in England oder in Solingen. Ein bergisches Fachwerkhaus, eine Stadtvilla, ein Wohnhaus aus den 1950er-Jahren oder ein ehemaliges Bauernhaus – die Gebäude unterscheiden sich, die Frage bleibt dieselbe.
Bevor über einen Abriss nachgedacht wird, lohnt sich ein genauer Blick auf das, was bereits vorhanden ist.
Oft steckt im Bestand mehr Potenzial, als man auf den ersten Blick vermutet. Mit einer durchdachten Planung und einer sensiblen Sanierung entstehen Häuser, die den heutigen Anforderungen gerecht werden und gleichzeitig ihren Charakter bewahren.

Bild: Jefferson Smith
Schlusswort
Astley Castle zeigt eindrucksvoll, dass selbst aus einer Ruine wieder ein Zuhause entstehen kann, nicht weil ihre Vergangenheit ausgelöscht wurde, sondern weil sie Teil der neuen Architektur bleiben durfte. Vielleicht beginnt gute Architektur genau dort: das Bestehende mit Respekt, Sorgfalt und neuen Ideen in die Zukunft zu führen, damit das, was wir heute erhalten, auch morgen noch Bestand hat.



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